Salto Vitale!



Im Jahr 1976 hieß es für mich zum ersten Mal "Manege frei". Ein Kindheitstraum war realisiert. RONCALLI hieß das Ergebnis aus Traum und Wirklichkeit - und viel Schweiß. Ein neues Kapitel Zirkusgeschichte war aufgeschlagen. "Roncalli hat den Circus weltweit beeinflußt und ihm ein neues Gesicht gegeben", schrieb eine seriöse Tageszeitung.

Auf der Reise durch die Jahrzehnte war dem Circus sein getreuer Weggefährte, das Varieté, abhanden gekommen. Ein herber Verlust für Artisten und ihr Publikum. Varieté ist der etwas feinere, wenn auch dekadentere Bruder des Circus. Die beiden ergänzen sich kongenial. War der Zauberer hilflos den Blicken des Publikums im Rund der Manege ausgeliefert, so hatte er im Varieté die schützende Bühne im Rücken und den doppelten Boden unter den Füßen. Wetzten die Kinder im Circus ungeduldig den Hosenboden durch, wenn ein humoristischer Vortrag dargebracht werden sollte, so fand der Kabarettist im Varieté Gehör und Kontakt.

Viele Dinge sind im Circus aus technischen und publikumsgeschmacklichen Gründen nicht möglich. Und genau diese Aspekte haben mich zu Ausflügen auf die Bühne gereizt - 1989 "Roncalli" in der Alten Oper Frankfurt, 1991 mit "Clowns" in der Freien Volksbühne Berlin und 1993 im Ronacher Wien sowie 1995 mit "Roncalli's Sommernachtstraum" in der Frankfurter Oper. Hinzu kommen seit 1992 regelmäßige Regiearbeiten im Berliner "WINTERGARTEN" und im Stuttgarter "FRIEDRICHSBAU", zu deren Gründungsvätern ich mich - gemeinsam mit meinem alten und neuen Freund André Heller - zählen darf.Umso mehr freut es mich, daß aus den Ausflügen ins Bühnenfach mit RONCALLI'S APOLLO VARIETÉ in unserer Heimat Nordrhein-Westfalen ein ständiger Wohn- und Ideensitz entstanden ist (selbstverständlich wird der CIRCUS RONCALLI weiterhin in seinem Zeltpalast spielen). Auf gar keinen Fall erwartet den Besucher jedoch CIRCUS RONCALLI auf der Bühne, sondern etwas Neues und Eigenständiges - nämlich das VARIETÉ APOLLO.

Mit einer tiefen Verbeugung vor der Tradition der großartigen frühen Varieté-Kultur und ihren unvergeßlichen Artisten.


Bernhard Paul




"Seit man nicht mehr in die Kirche geht, geht man ins Theater."
Franz Grillparzer, 1831

"Seit man nicht mehr ins Theater geht, geht man ins Varieté."
Victor Neuenburg, 1911